Liebe Interessierte,

Wir stehen auf der Schwelle zu einem neuen Jahr und nehmen uns einen Moment Zeit, um auf das vergangene Jahr zurückzuschauen.

Im März durften wir am Rehab Basel die fünfte Schweizer Tagung zur Mensch-Tier-Beziehung mit dem diesjährigen Titel „Entwicklungen und Perspektiven tiergestützter Interventionen in Forschung und Praxis“ erfolgreich durchführen. Zum ersten Mal haben wir es gewagt, die Veranstaltung hybrid – vor Ort und online – zu verwirklichen. Zufrieden schauen wir auf einen sonnigen Tag voller schönen Begegnungen, spannenden Diskussionen, aufschlussreichen Referaten und den Vorstellungen vielfältiger Projekte zurück.

Im September gab uns Cornelia Drees im Anschluss an unsere GV in ihrem Vortrag zum Thema der freien Begegnung von Mensch und Tier interessante Gedankenanstösse mit:Es ging dabei um die gemeinsamen Wurzeln, welche die Grundlage für das Gelingen einer tiergestützten Intervention darstellen.

Weiter erfreuen wir uns über den Mitgliederzuwachs bei IEMT: Inzwischen zählen wir 69 Mitglieder! Für den kurzen Newsletter haben sich mittlerweile 49 Personen angemeldet, und auf der Liste unserer Vernetzungsplattform sind 69 Personen und Organisationen aufgeführt.

Anfangs Sommer gab es einen Wechsel in der Redaktion dieses Newsletters: Im Juni übergab Rahel Marti das Zepter an Martina Stettler. An dieser Stelle machen wir Sie gerne wieder darauf aufmerksam, dass alle vergangenen Newsletters mit Mitgliedervorstellungen und Studienzusammenfassungen im Mitgliederbereich der IEMT-Webseite eingesehen werden können.

 

 

Im aktuellen Newsletter möchten wir Ann-Kristin Hörsting vorstellen. Sie erzählt von ihrer Arbeit an der Klinik Friedenweiler. Ausserdem finden Sie zwei Veranstaltungstipps und die Vorstellung der Studie von Michael Christian Schulze. Die Studie wurde mit Unterstützung des IEMTs durchgeführt.

Ein frohes neues Jahr ­– mit vielen schönen tierischen und menschlichen Begegnungen ­– wünschen wir!

 

Mit herzlichen Grüssen
IEMT Schweiz

1. Interprofessionelles Symposium: Fachtherapien im psychiatrischen Kontext

Am 22. März 2024 findet das erste interprofessionelle Symposium der Fachtherapie an den Universitären Kliniken Basel statt. Das Thema des Symposiums lautet: «Selbstmanagement-Kompetenzen stärken». Karin Hediger wird einen Vortrag zum Thema «Selbstkompetenzen, Resilienz und Selbstwirksamkeit in der tiergestützten Therapie» halten, und Verena Winkler wird das Thema in einem Workshop aufgreifen und vertiefen. Am Symposium wird das Potential der Selbstwirksamkeit aus den Blickwinkeln der verschiedenen Fachtherapien, wie den naturbezogenen Therapien, der Physio- und Bewegungstherapie, den künstlerischen Therapien, der Arbeits- und Ergotherapie, betrachtet.

 

Fachtagung: Tierisch sinnvoll – Neue Impulse für tierisch „SinnVolle“ tiergestützte Interventionen

An der Fachtagung in Niedersachsen widmet man sich dem Thema «Tierisch sinnvoll – Neue Impulse für tierisch „SinnVolle“ tiergestützte Interventionen». Das genaue Programm soll im Januar bekannt gegeben werden. In den Referaten werden Inputs zu tiergestützter Pädagogik und Coaching beleuchtet. U.a. referiert Cornelia Drees in einem Vortrag und einem Workshop darüber, wie alle Sinne zum Zug kommen können. Die Veranstaltung findet am 13. April 2024 in Goslar, DE, statt und wird von der Regionalgruppe Niedersachsen Bremen und Hamburg des Bundesverbands Tiergestützte Interventionen durchgeführt.

 

Agenda

13. April 2024 Fachtagung „SinnVoll“, DE >Hier
22. April 2024 Interprofessionelles Symposium, UPK, Basel >Hier
4. & 5. Mai 2024 IstT Fachtagung in Marl, Deutschland > Hier
Datum unbekannt Dritte Tagung „Hund und Psychologie“ >Hier
30.10. – 2.11.2024 DVG-Vet-Congress 2024, Berlin, >Hier

Unsere Mitglieder stellen sich vor

Bild: Ann-Kristin Hörsting entspannt mit Pony Schah
 
 
 

Ann-Kristin Hörsting ­– Tiergestützte Therapie in der Klinik Friedenweiler

 

Mein Name ist Ann-Kristin Hörsting und ich arbeite niederprozentig als Psychiaterin in der Praxis Psychcentral in Zürich. Hauptberuflich leite ich als ärztliche Direktorin bis Ende 2023 die Privatklinik Friedenweiler, eine Akutklinik für Psychiatrie im Schwarzwald, in der erwachsene Patient:innen mit psychischen Erkrankungen im offenen Setting stationär, tagesklinisch und ambulant behandelt werden. Meine Weiterbildung zur Fachkraft für tiergestützte Therapie habe ich bei Barbara Rufer in Derendingen absolviert. Was mir neben der praktischen Arbeit besonders gefällt ist es, auch als Referentin hierzu tätig sein zu dürfen und in diesem Bereich so viele tolle engagierte Menschen für einen Austausch zu treffen.

Mit TGT konnte ich bereits an früheren Arbeitsorten positive und bereichernde Erfahrungen sammeln.

Als ich in Friedenweiler anfing, gab es keine Tiergestützten Interventionen oder Therapien. Wir bildeten zunächst ein Team aus Mitarbeitenden verschiedener Berufsgruppen (Psychologie, Pflege, Soziale Arbeit und Medizin) und erstellten das Konzept. Wir haben mehrere Hunde im Einsatz in der Klinik und arbeiten zudem mit zwei Pferdehöfen in der Nähe zusammen.

Die tiergestützten Einzel- und Gruppentherapien richtet sich an Menschen mit psychischen Erkrankungen. Die Tiere werden möglichst gezielt eingesetzt, um bei allen Patient:innen individuelle Therapieziele und innenseelische Prozesse zu unterstützen. Oft geht es um Aktivierung und Selbstwirksamkeitsstärkung, es können aber auch beruhigende Interventionen erfolgen. Methodisch werden geführte Übungen, aber auch die freie Interaktion genutzt.

Es ist mir sehr wichtig, dabei immer auch das Wohl der Tiere im Blick zu haben. Von Therapeut:innen wird erwartet, dass sie darauf achten, dass die Patient:innen achtsam mit dem Tier umgehen. Es ist wunderbar, auch positive Effekte bei den Mitarbeitenden zu sehen. Diese schätzen es, tiergestützt tätig zu sein und bringen viel Motivation und tolle Ideen mit ein. Meine therapeutische Arbeit nimmt nur einen kleinen Teil ein, ich freue mich in meiner Position, das Team durch konzeptuelle Punkte und meine Rückendeckung zu unterstützen.

Ann-Kristin Hörsting

Klinik Friedenweiler, D
Praxis Psychcentral, CH

 

Aktuelle Forschung in Kürze

Die Bedeutung von Kumpantieren für Opioidabhängige in Substitutionstherapie

 

Hintergrund

Viele Opioidabhängige besitzen Tiere. Ihre Bedeutung für die Betroffenen wird in der Regel aber unterschätzt. Obwohl für viele Abhängige der Kontakt zu ihnen sehr wichtig zu sein scheint, werden ihre Tiere häufig als Stör- und nicht als Resilienzfaktoren wahrgenommen und nur selten in die Überlegungen von professionellen Behandlungsteams einbezogen.

In der vorliegenden Studie wurde untersucht, welche Tiere von substituierten Opioidabhängigen gehalten werden, welche Eigenschaften ihnen zugeschrieben werden, welche Funktion und Rolle sie im Leben und den sozialen Netzwerken der Substituierten besitzen und ob sie aus Sicht der Betroffenen den Verlauf der Suchterkrankung und die Inanspruchnahme von gesundheitlichen Dienstleistungen beeinflussen.

 

 

 

Methode

Es handelt sich um eine qualitative Studie mit leitfadengestützten Interviews, ergänzt durch einen Kurzfragebogen. Die Studie beschränkte sich auf substituierte Abhängige, weil diese über ihre Vergabepraxen zuverlässig erreichbar waren. Im Interview wurden insgesamt 11 erzählgenerierenden Fragen gestellt (bspw. zu Tagesablauf, Rolle des Kumpantieres, Freuden und Sorgen mit den Tieren) Die Auswertung der transkribierten Interviews erfolgte computergestützt mit der Qualitativen Inhaltsanalyse.  Vor dem Interview wurden soziodemographische Daten, wichtige Aspekte der Suchterkrankung und Informationen zum Kumpantier abgefragt. Nach dem Interview wurde von den Befragten zu 13 Items eine Selbsteinschätzung abgegeben.

 

Resultate und Diskussion

Gut ein Viertel (27 Personen) der 104 substituierten Opioidabhängigen aus zwei suchtmedizinischen Praxen in Berlin besaß Tiere, v. a. Katzen und Hunde, gefolgt von Vögeln, Kleintieren, Fischen und Reptilien. An der vorliegenden Studie nahmen 12 Personen teil, dabei handelte es sich überwiegend um ältere und langjährig Substituierte mit langen Suchtanamnesen.

Alle 12 Interviewten erlebten ihre Tiere als Bereicherung und emotionale Unterstützung und konnten sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Sie halfen ihnen, den Tag zu strukturieren und mit Aktivitäten zu füllen. Sie wurden als Familienmitglieder, Partner, Freunde, Unterstützer, geliebte Wesen, Lebensretter, Lebensinhalt, Zuhörer und „Kuschelpartner“ betrachtet. Außerdem ermöglichten sie ihren Menschen einen zeitweiligen Rollenwechsel vom Ver- sorgten zum Versorgenden.

Fast alle Befragten dieser Studie standen ihren Mitmenschen enttäuscht und resigniert gegenüber. Für mehr als die Hälfte von ihnen waren ihre Tiere wichtiger als Menschen. Ihnen wurde auch ein günstiger Einfluss auf die Suchterkrankung zugeschrieben. So meinten viele Befragte, dass die Tiere sie vor Beikonsum und Rückfällen schützen. Fast alle Substituierten machten sich große Sorgen bezüglich des Todes ihrer Tiere. Auch Studien belegen, dass der Tod eines geliebten Tieres traumatisieren kann und Krisen auslösen, die wiederum zu Rückfällen führen können.

Dass Tierbesitzende v. a. die positiven Aspekte betonen, ist nicht erstaunlich. Die Stärke und Klarheit ihrer Aussagen seien dennoch überraschend für den Autor. Für die Zukunft wäre es wünschenswert, die Ergebnisse in einem longitudinalen Studiendesign mit Vergleichen mit Nichttierbesitzenden zu überprüfen.

In der langen Version des Newsletter können IEMT Mitglieder weiter  erfahren, wie die Befragten mit medizinischen oder amtlichen Terminen umgehen und weshalb die Resultate teilweise nicht auf jüngere Abhängige übertragen werden kann.

Diese Studie von Michael Christian Schulze wurde durch die IEMT-Forschungsförderung unterstützt. Mehr erfahren sie dazu und dem Button.

 

Quelle

Schulze, M. C. (2023). Die Bedeutung von Kumpantieren für Opioidabhängige in Substitutionstherapie. Suchttherapie, 24(04), 168-177. DOI:10.1055/a-2128-4488