Gestern Abend fand im Rahmen des 175 Jahre Jubiläums der Universität Zürich, Fakultät Vetsuisse, die Podiumsdiskussion „Mit Tieren gegen Jugendgewalt“ statt. Die Diskussionsteilnehmer Frau Nationalrätin Jacqueline Fehr, PD Dr. Dennis Turner sowie Martin Vinzens, Direktor der Strafanstalt Saxerriet und Rahel Locher, Psychologie- und Kriminologiestudentin diskutierten unter der Leitung von Christine Loriol Möglichkeiten und Grenzen tiergestützter Therapieprogramme.

Zürich, 18. April 2008 – Die Entwicklung von Empathie beginnt schon sehr früh im Kindesalter, d.h. ab ca. zwei bis drei Jahren. Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass Kinder, die mit Tieren aufwachsen, auch wesentlich mehr Mitgefühl zu ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt entwickeln. Martin Vinzens beschreibt die Bedeutung der eingesetzten Tiere in seiner Strafanstalt wie folgt: „Straftäter sind immer weniger zugänglich. Tiere helfen sowohl Delinquenten wie Therapeuten, einen geeigneten Zugang zu den individuellen Themen zu finden.“ Er betonte weiter, dass Straftäter oftmals selbst Opfer waren. Eine erfolgreiche Therapie sei deshalb noch wichtiger, damit entlassene Insassen nicht wieder rückfällig würden und lernten, ihren Probleme zu erkennen und geeignete Verhaltensmuster zu entwickeln. Die tiergestützte Therapie soll Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Erste Rückmeldungen zeigen, dass sprachliche und emotionale Barrieren von Sträflingen mittels Tieren abgebaut werden konnten. Straffällige konnten ihre Beziehungsfähigkeit, ihren Selbstwert und entsprechende soziale Integration wesentlich verbessern. Martin Vinzens ist aufgrund bisheriger Erfahrungen davon überzeugt, dass die tiergestützte Therapie als Ergänzung ihres Programms weitere gute Resultate erzielen wird. Entsprechende Dokumentationen, unterstützt durch wissenschaftliche Studien zu einem geeigneten Zeitpunkt, sollen dazu beitragen, auch via Politik in der Gesellschaft Anerkennung und Unterstützung zu finden.
„Politik ist nie avantgardistisch. Sie nimmt viel mehr Themen aus der Praxis auf. Politik erhebt keinen Anspruch, ein Problem zu lösen, vielmehr dieses zu thematisieren und allenfalls Rahmenbedingungen zu schaffen,“ entgegnet Nationalrätin Jacqueline Fehr auf die Frage, wie sich die Politik zu dieser Thematik stelle. Es gilt, gemäss Nationalrätin Fehr, systematische Grundlagen und Programme zu erarbeiten, so wie im Beispiel der Strafanstalt Saxerriet, und sie dann konkret an geeignete politische Instanzen zu richten. Auch Frau Fehr unterstützt den Ansatz, Kinder durch Zugang zu Tieren möglichst früh zu fördern.
„Es gibt bereits heute Programme wie die Lorenz Tierschulbesuche des IEMT, Krax des SchweizerTierschutzes, Therapiehunde Schweiz oder auch Prevent-a-bite, die mit seriös ausgebildeten Teams Besuche in Kindergärten, Schulen oder Elternvereinigungen anbieten,“ ergänzte Dr. Turner. Es läge auf der Hand, präventive Massnahmen anzubieten, um erst gar nicht mit mehr oder weniger aufwändigen Therapien reagieren zu müssen. Tiere sind allerdings kein Allerweltsheilmittel für alle möglichen Probleme. „Tiere kann man nicht einfach konsumieren und nach Gebrauch wegstellen,“ betonte Rahel Locher. Sie unterstrich die Wichtigkeit eines rücksichts- und verständnisvollen Umgangs sowohl gegenüber Mensch wie Tier. Tiere begegnen dem Menschen genau so, wie er ist. Sie kennen weder Geschichte noch Handicaps eines Menschen und reagieren immer unmittelbar.
  • Jacqueline Fehr, Nationalrätin
  • Martin Vinzens, Direktor Strafanstalt Saxerriet
  • Rahel Locher, Teammitglied Projekt Gewaltprävention Dr. Manuel Eisner.
  • Dr. Manuel Eisner ist Reader für Soziologische Kriminologie und Stellvertretender Institutsleiter am Kriminologischen Institut der Uni Cambridge sowie Privatdozent an der Universität Zürich
  • PD Dr. Dennis Turner, Ethologe und Privatdozent an der Universität Zürich sowie Präsident IEMT Schweiz
Das Institut für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung (IEMT) hat sich zum Ziel gesetzt, die vielfältigen Aspekte der Beziehung zwischen Menschen und ihren Heimtieren zu erforschen und die Ergebnisse interessierten Kreisen zugänglich zu machen. Zu den Schwerpunkten des Vereins gehören die verantwortungsvolle Haltung und Pflege von Heimtieren genauso wie die Analyse des alltäglichen Zusammenlebens von Mensch und Tier. Das IEMT arbeitet eng mit verschiedenen wissenschaftlichen Fakultäten und Instituten zusammen.
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