Gerulf Rieger, Diplomand am Anthropologischen Institut der Universität Zürich, fasst in diesem Bericht die Ergebnisse einer unter der Leitung von PD Dr. Dennis C. Turner und Prof. Robert D. Martin entstandenen Studie* zusammen. Diese brachte sehr interessante Ergebnisse und einige Überraschungen ans Licht, und ausserdem Hinweise für weiterführende Forschung.

Viele Menschen sind davon überzeugt, dass Tiere ihre Gefühle verstehen und – noch wichtiger – auf diese eingehen können. Nun hat aber bis zu diesem Zeitpunkt noch keine wissenschaftlich angelegte Studie versucht, einen Zusammenhang zwischen dem Befinden des Menschen und dem sozialen Verhalten zwischen Mensch und Tier nachzuweisen.
Frühere Arbeiten von D. C. Turner zeigten, dass allein stehende Menschen öfter den Kontakt zu ihren Katzen suchen als Menschen, die mit anderen zusammenwohnen. Turner vermutet, dass Hauskatzen für diese allein stehenden Menschen besonders wichtige Beziehungspartner darstellen.

Von Menschen, die alleine leben, ist bekannt, dass sie sehr der Gefahr ausgesetzt sind, unter Missstimmungen zu leiden. Ein besonders schlimmer Gemütszustand sind depressive Verstimmungen. Alleinsein wird häufig als Grund für Depressionen angegeben. Depressionen sind in der heutigen Zeit weit verbreitet und es sollten grosse Anstrengungen zu deren Bekämpfung unternommen werden.

Die Fragen, die wir uns stellten

Diese Arbeit ist die erste, die mit Hilfe von beobachtetem Verhalten den Einfluss eines Tieres auf das Befinden des Menschen nachweisen will. Da es zu diesem Thema so gut wie keine vergleichbaren Studien gibt, die als Wegweiser hätten dienen können, wurde mit bewusst einfach gestellten Fragen gearbeitet. Das heisst, es wurden keine bestimmten Ergebnisse erwartet. Die Fragen lauteten:

  • Hat die momentane Stimmung eines allein stehenden Menschen einen Einfluss auf sein Verhalten gegenüber der Katze?
  • Hat diese momentane Stimmung auch einen Einfluss auf das Verhalten der Katze?
  • Ändert sich das Verhalten von Mensch und Katze, wenn sich die Stimmung des Menschen ändert?
  • Ist die Stimmung von Menschen, die mit Katzen zusammenleben, anders als jene von Menschen, die zwar auch ein Interesse an Katzen haben, aber keine besitzen?

Wie wir vorgingen

Mit Zeitungsinseraten und kurzen Berichten im Radio wurden allein stehende Katzenbesitzer zum Mitwirken an dieser Studie aufgefordert. Es wurden auch allein stehende Menschen, die aktuell keine Katze mehr besitzen, über diese Medien gesucht. Insgesamt konnten 105 Katzenbesitzer und 31 ehemalige Katzenbesitzer gefunden werden, die an einer Zusammenarbeit interessiert waren. Jeder Katzenbesitzer wurde von Gerulf Rieger an einem bestimmten Abend besucht, immer von 19 bis 21 Uhr. Diese Zeitspanne wurde deshalb gewählt, weil dann vermutlich das soziale Verhalten von Mensch und Katze besonders gross ist. Zu Beginn und am Ende des Besuchs füllten die Katzenbesitzer einen Fragebogen namens EWL zu ihrem momentanen Befinden aus. Diese EWL ermöglicht, das Stimmungsbild eines Menschen mit Hilfe der von ihm angekreuzten Eigenschaftswörter zu erfassen. Die angekreuzten Wörter wurden bestimmten Stimmungsbereichen zugewiesen wie «Ängstlichkeit», «Empfindlichkeit», «Deprimiertheit», «gehobene Stimmung», «Selbstsicherheit» etc.

Zwischen dem Ausfüllen dieser Fragebogen wurde von Rieger soziales Verhalten beobachtet. Das geschah mit Hilfe eines kleinen tragbaren Computers, der mit einem speziellen Programm ausgestattet war. Dabei wurden Verhaltensweisen sowohl von Menschen als auch von Katzen aufgenommen. Die 20 registrierten Verhaltensweisen lassen sich in drei grosse Kategorien einteilen:

  • Die Bereitschaft, ein Bedürfnis nach sozialem Kontakt zu zeigen
  • Der tatsächliche Beginn des sozialen Verhaltens
  • Weitere Verhaltensweisen in der Kommunikation zwischen Mensch und Katze
Die wichtigsten Verhaltensweisen waren dabei:
  • Sich dem Partner (Mensch oder Katze) nähern
  • Dem Partner zurufen (Mensch) oder zumiauen (selbstredend Katze)

Diese Verhaltensweisen konnten sowohl als Bedürfnis nach als auch als tatsächlicher Beginn von sozialem Verhalten auftreten.

Denjenigen Menschen, die zum Zeitpunkt der Erhebung keine Katze mehr besassen, wurden ebenfalls die Stimmungs-Fragebogen (EWL) zugesandt, die sie zur selben Tageszeit ausfüllten wie die Katzenbesitzer. Es war anzunehmen, dass der Forscher selbst einen Einfluss auf die Stimmung der Katzenbesitzer ausübte. Um also die Stimmung von Katzenbesitzern und ehemaligen Katzenbesitzern korrekt vergleichen zu können, füllten die Katzenbesitzer wenige Wochen nach dem Besuch ein zweites Mal zwei Stimmungsfragebogen aus, diesmal an einem Abend, an dem sie nicht besucht wurden. Diese neuen Fragebogen wurden mit den Fragebogen der ehemaligen Katzenbesitzer verglichen. Somit war ein sinnvoller Vergleich hergestellt, da nun Fragebogen von Katzenbesitzern und ehemaligen Katzenbesitzern ohne den Einfluss des Beobachters vorlagen.

Was dabei heraus kam

Die Auswertung brachte folgende Ergebnisse:
Menschen zeigen umso mehr soziales Verhalten gegenüber ihren Katzen, je «desaktiver» (Stimmungskategorie, z.B. temperamentlos oder energielos), «empfindlicher», «ängstlicher» und «deprimierter» sie sich fühlen bzw. im Verlauf von zwei Stunden werden. Es muss hervorgehoben werden, dass die «deprimierten» Studienteilnehmer vom Forscher nicht als «depressiv» im Sinne einer Gemütserkrankung eingestuft wurden. Von diesen Menschen kann man nur sagen, dass sie an einem Abend «deprimiert» gewesen waren. «Deprimiertheit» ist ein der eigentlichen Depression zwar verwandtes Gefühl, das aber in jedem gesunden Menschen vorkommen kann!
Menschen zeigen umso weniger soziales Verhalten gegenüber der Katze, je erregter, extrovertierter und deprimierter sie sind.

Die Verstimmung «Deprimiertheit» wurde näher untersucht. Deprimierte Menschen zeigen zwar anfänglich eine geringe Bereitschaft, ihrem Bedürfnis nach Kontakt mit ihrer Katze zu folgen. Im Gegensatz dazu beginnen sie ein soziales Verhalten mit ihrer Katze jedoch umso öfter, je deprimierter sie sich fühlen. Auf diesen scheinbaren Widerspruch wird weiter unten unter «Das Paradoxon der Deprimiertheit» näher eingegangen.

Bei Menschen, die am Ende des Besuches weniger deprimiert waren als zu Beginn, sind die Katzen weit häufiger auf das menschliche Bedürfnis nach sozialem Verhalten eingegangen als es die Katzen bei Menschen getan hatten, die deprimierter geworden sind. Die Katzen der weniger Deprimierten gingen auch mehr auf die Bedürfnisse ihrer Besitzer ein als die Katzen von Menschen, die nach zwei Stunden gleich deprimiert waren wie zu Beginn.

Die Katzen selbst zeigen immer das gleiche Bedürfnis nach sozialem Kontakt, ganz egal, wie der Besitzer sich fühlt. Sie beginnen auch dieses soziale Verhalten immer gleich häufig, unabhängig von der Stimmung des Besitzers. Innerhalb einer sozialen Interaktion wendet sich aber das Blatt: Hier reagieren die Katzen empfindlich auf die Stimmung ihrer Besitzer. Bei «erregten», «extrovertierten» und «deprimierten» Menschen zeigen Katzen dann vermehrtes soziales Verhalten. Der Vergleich von Katzenbesitzern und ehemaligen Katzenbesitzern zeigt, dass Menschen, die keine Katze mehr besitzen, markant «desaktiver», «empfindlicher», «introvertierter», «ängstlicher» und «deprimierter» sind als Katzenbesitzer.

Die Bedeutung der Ergebnisse

Eines der hervorstechendsten Ergebnisse ist, dass der Besitz einer Katze allein zur Linderung vieler Missstimmungen beiträgt. Wer also allein stehend ist und Katzen liebt, sollte nie ohne eine leben! Nicht nur, dass man mit einer Katze weniger ängstlich und deprimiert ist, nein, die Katze macht den Menschen auch weniger introvertiert, also aufgeschlossener gegenüber seinen Mitmenschen. Diese Resultate bekräftigen frühere Vermutungen, dass Tiere zum Wohlbefinden ihrer Besitzer beitragen. Im Weiteren zeigen sie, dass der Wunsch nach einem Tier gerade bei allein stehenden Personen ernst genommen werden sollte. Ein generelles Verbot von Haustieren in Mietwohnungen oder sozialen Institutionen wie z.B. Altersheimen ist mit Sicherheit falsch.
Aber nicht nur generell, auch in besonders stressreichen Situationen übt die Katze eine wohltuende Wirkung auf ihren Besitzer aus. Wird ein Mensch zunehmend erregter, ängstlicher oder deprimierter, so greift er umso stärker auf seine Katze zurück und zeigt mehr soziales Verhalten. Hier wird also die Katze aktiv zur Hilfeleistung aufgesucht. Wichtig ist dieses Ergebnis insofern, als es zeigt, dass die Katzen für ihre Besitzer eine Möglichkeit zur Problembewältigung darstellen.

Die Katze selbst verhält sich sowohl mit ihrer Bereitschaft, ein Bedürfnis nach sozialem Kontakt zu zeigen, als auch in ihrem tatsächlichen Beginn von sozialem Verhalten immer gleich, egal wie sich ihr Besitzer fühlt. Diese neutrale Einstellung macht sie für einen Menschen, der unter Missstimmungen leidet, besonders attraktiv. Der Mensch weiss von einem Partner, der ihm immer im gleichen Masse zur Verfügung steht. Hier unterscheidet sich das Tier vermutlich von den Mitmenschen.

Wie oben erwähnt, kann durch den Besitz und den Umgang mit einer Katze eine Reihe von Missstimmungen des Besitzers gemindert werden. Was die Katze nicht kann, ist (schon) positive Stimmungen zu fördern. Die lindernde Wirkung der Katze besteht also darin, dass der Mensch sich weniger schlecht und daher ausgeglichener fühlt, nicht aber, dass er sich besser fühlt, wie z.B. glücklicher oder selbstsicherer. Dieser Bereich fällt vermutlich in die Aufgabe der Mitmenschen. Es ist also zu betonen, dass Katzen sicher nicht menschliche Freunde oder Partner völlig ersetzen können. Es reicht nicht, jemandem, der einsam ist, einfach eine Katze in die Hand zu drücken, um ihn glücklich zu machen!

Das Paradoxon der «Deprimiertheit»

Deprimierte Menschen zeigen zwar anfänglich eine geringe Bereitschaft, ihrem Bedürfnis nach Kontakt mit ihrer Katze zu folgen, tun es aber letztlich besonders oft. Hier wird die zwiespältige Natur der klinischen Depression bereits erkennbar. (Nochmals muss darauf hingewiesen werden, dass unsere Probanden wahrscheinlich nur vorübergehend «deprimierte Stimmungen» zeigten!) Wie auch im Umgang mit anderen Menschen haben Deprimierte ein grosses inneres Verlangen nach Kommunikation, können es aber nicht zeigen. Was sie dann mit ihren Katzen tun, ist Folgendes: Obwohl sie zunächst wenig Interesse zeigen, zu kommunizieren, tun sie es plötzlich abrupt und ohne «Vorwarnung». Von Seiten der Mitmenschen würde so etwas nur auf Unverständnis stossen.

Die Katzen hingegen zeigen bei deprimierten Menschen kein negativ zu wertendes Verhalten. Sie sind im Umgang mit Deprimierten sogar besonders freundlich. In dieser Hinsicht sind sie sicher angenehmer als menschliche Partner, die auf depressive Verstimmungen oft mit Überforderung reagieren.

Entscheidend dafür, ob ein Mensch weniger deprimiert wird oder nicht, scheint die Reaktion der Katze zu sein. Nur wenn die Katze auf die Bedürfnisse ihrer Besitzer eingeht, geht «Deprimiertheit» zurück. Reagiert die Katze nicht, erfolgt auch kein Stimmungsausgleich! Daher ist der Erfolg bei der Linderung von «Deprimiertheit» stark vom Willen der Katze selbst abhängig.

Quintessenz

Katzen können tatsächlich dazu beitragen, dass sich ihre Besitzer ausgeglichener fühlen. Das Mass des Erfolgs wird aber stark von der Katze selbst bestimmt! Die Reaktion der Katze auf den Menschen ist dabei das entscheidende Element. Es wird davon ausgegangen, dass diejenigen Katzen, die diese Reaktionen häufig zeigen, schon von klein auf an Menschen gewöhnt sind. Weitere Aspekte, die in diesem Zusammenhang berücksichtigt werden sollten, sind die Verhaltensunterschiede verschiedener Rassen und der eigene Charakter, den jedes Tier besitzt. Beachtet man diese Elemente bei der Wahl einer Katze, kann vermutlich die Chance, dass sie auf die Wünsche ihres Besitzers eingeht, erhöht und eine damit verbundene Ausgeglichenheit des Menschen erreicht werden. In einem weiteren Schritt stellt sich die Frage, ob mit der gewonnenen Information neue Modelle für tiergestützte Therapien entwickelt werden können. Eine gezielte Arbeit mit Katzen bei depressiv erkrankten Menschen könnte einen sinnvollen Beitrag zur Bekämpfung dieses Leidens liefern.

* Diese Studie wurde von Masterfoods AG, Zug, finanziell unterstützt und als Beitrag der IEMT, Zürich, am internationalen Kongress in Prag 1998, erstmals vorgestellt.